Die Link-Orgel op. 450 (1906) in der Stadtkirche Giengen

Die Stadtkirche Giengen a. d. Brenz beherbergt mit ihrer Link-Orgel mit 51 Registern von 1906 eine der bedeutendsten Denkmalorgeln der Spätromantik im Bereich der württembergischen Landeskirche.

Als eine der wenigen größeren Orgeln dieser Zeit ist das Giengener Instrument nahezu original erhalten geblieben, lediglich ein originaler Tremulant für Vox humana wurde entfernt und die Tonhöhe von 435 Hz auf die heute üblichen 440 Hz angehoben. Vergleichbare Instrumente andernorts erlebten in den 30 Jahren nach dem 2. Weltkrieg wenig Wertschätzung, wurden durch Umbauten verstümmelt oder mussten gleich Neubauten weichen. Ein ähnliches Schicksal blieb der Giengener Orgel erspart. Angesichts der ideologisch begründeten Konsequenz, mit der der romantische Klangcharakter der allermeisten Instrumente dieser Zeit (oder gleich die ganzen Instrumente) beseitigt wurden, kann dies gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die Orgelbaufirma Gebrüder Link wurde 1851 in Giengen gegründet. Die Zwillingsbrüder Paul und Johannes Link ließen sich nach Lehr- und Wanderjahren unweit der Stadtkirche nieder, nachdem sie dort ihr Erstlingswerk op.1 erbaut hatten. Ein Modell dieses Instrumentes ist erhalten, über die Disposition wegen Archivverlusten wenig bekannt. Es besaß zwar mit mechanischen Kegelladen das damals neueste technische System, muss aber nach Berichten späterer Zeit noch vom barocken Klangempfinden geprägt gewesen sein.

Anlässlich einer groß angelegten Kirchenrenovierung wurde das Instrument, mittlerweile klanglich und technisch nicht mehr zeitgemäß und vom Holzwurm befallen, durch einen großen Orgelneubau ersetzt. Zunächst waren Reparatur oder Umbau geplant, aber dank der Spendenfreudigkeit der Bevölkerung konnte das bis dahin größte und bis heute bedeutendste Instrument der Firma Link entstehen.

Kirchengemeindratsprotokolle und die Korrespondenz zwischen der Gemeinde, der ortsansässigen Orgelfirma und dem Orgelsachverständigem Prof. Graf (Ulm) vermitteln ein genaues Bild der Entstehungsgeschichte dieses Werkes.

Das Betrachten des Orgelprospektes und des Spieltisches allein ist eine Reise wert. Die Baupläne sprechen von einem Gehäuse im „Rococo-Styl“. Prof. Christoph Bossert wies in diesem Sinne auch darauf hin, dass sich die Umrisse der Orgel und die Silhouette der spätbarocken Klosterkirche Neresheim gleichen. Klanglich führten Gebrüder Link die Entwicklung des süddeutschen Orgelklanges von Gabler, Riepp, Holzhey (z.B. Klosterkirche Neresheim) über Walcker konsequent fort. Außerordentlich viele Farbregister der 8’- und 4’- Lage ermöglichen eine nahezu unerschöpfliche Klangvielfalt. Vom leisesten Register Aeoline im Schwellwerk bis zum grandiosen Tutti lässt sich ein nahezu bruchloses Crescendo gestalten. Die enorme Kraft des „vollen Werkes“ mit Hochdruckstimmen und Oktavkoppeln ist dem Kirchenbesucher nur kurzzeitig zuzumuten.

Technisch wurde das Instrument 1906 mit allen Errungenschaften des damaligen Orgelbaus ausgestattet, schließlich diente es der Giengener Orgelfirma als Vorführinstrument. Im pneumatischen Spieltisch sind freie und feste Kombinationen, automatische Pedalregistrierung und eine Crescendowalze untergebracht. Die pneumatische Traktur im Abstromprinzip funktioniert erstaunlich schnell und präzise.

Anlässlich einer Orgeldenkmalpflegertagung 1974 wurde die Giengener Stadtkirchenorgel unter Denkmalschutz gestellt. Große Restaurierungen wurden 1977 und 2006 durch die Erbauerfirma Link durchgeführt.

Die Orgel der Stadtkirche Giengen hat in den vergangenen Jahrzehnten die Interpretation spätromantischer Orgelliteratur, insbesondere der Werke von Max Reger revolutioniert. Das Studium der Registrierpraxis und des pneumatischen Spielapparates zieht Organisten aus aller Welt nach Giengen. Rundfunk- und CD-Aufnahmen unterstreichen die Bedeutung dieser Orgel, da in Württemberg wohl keine andere Orgel dieser Größe den "organalen Kahlschlag" (Walter Supper) der Nachkriegszeit so schadlos überstanden hat.

2006 wurde die Max-Reger-Biennale in Giengen etabliert. Mit den auf dieser Orgel stattfindenden Konzerten und anderen Veranstaltungen setzt diese Orgel einen gewichtigen Akzent in der württembergischen Kulturlandschaft.

Thomas Haller

Disposition:

I. Manual

Principal 16'

Principal 8'

Flöte (Stentor) 8'

Gambe (Stentor) 8'

Tuba mirabilis (Stentor) 8'

Gemshorn 8'

Doppelgedeckt 8'

Quintatön 8'

Dolce 8'

Oktav 4'

Flöte 4'

Clarine 4'

Quinte 2 2/3'

Superoktave 2'

Mixtur 5fach

Copplung II-I

Copplung III-I

Suboktav-Copplung II-I

Superoktavkoppel I-Man

 

Pedal

 

Principalbaß 32'

Principalbaß 16'

Subbaß 16'

Violonbaß 16'

Salicetbaß 16'

Posaune 16'

Quintbaß 10 2/3'

Violonbaß 8'

Cello 8'

Trompete 8'

Oktav 4'

Clarine 4'

Copplung I-Pedal

Copplung II-Pedal

Copplung III-Pedal

Generalcresc

Verstumm der Handregister

Automatische Pedalregistrierung

Koppeln aus, volles Werk

 

II. Manual

 

Salicional 16'

Principal 8'

Viola 8'

Concertflöte 8'

Rohrflöte 8'

Salicional 8'

Trompete harm. 8'

Cornett 3 fach 4'

Fugara 4'

Dolce 4'

Waldflöte 2'

Copplung III-II

 

III. Manual

 

Bourdon 16'

Geigenprincipal  8'

Lieblich Gedeckt 8'

Hohlflöte 8'

Gamba 8'

Aeoline  8'

Voix celeste 8'

Clarinette 8'

Vox humana 8'

Prestant 4'

Traversflöte 4'

Harmonica aetheria 2 2/3', 2', 1 3/5'

Piccolo 2'

Superoctav-Coppelung III-III

Tremolo für Vox humana